Der 35-Watt-Mitbewohner (Teil 1): Vom Speicher-Hunger zum Mini-Kraftwerk

Es fing alles so harmlos an. Ein bisschen Jellyfin für die Filmsammlung hier, eine kleine Gitea-Instanz für den Code dort. Meine Synology DS223 erledigte ihren Job klaglos. Doch wer einmal Blut geleckt hat und die eigene Software-Pipeline automatisieren will, landet schnell bei einem Gitea-Runner. Und genau da fing das Drama an.

Wenn der Speicher knapp wird

Ein Runner hier, ein Build-Prozess da, und plötzlich flüsterte mir die Weboberfläche meiner NAS entgegen, dass wir ein massives Memory-Problem haben. 2 GB RAM sind eben kein Luxusressort für Container, sondern eher eine digitale Einzimmerwohnung mit geteilter Küche. Sobald der Gitea-Runner einen Build anstieß, fing das System an zu japsen. Der OOM-Killer klopfte unfreundlich an die Tür.

Die Überlegung war klar: Ein echter Server muss her. Doch ohne eigene Photovoltaik-Anlage auf dem Dach fallen die üblichen Gebraucht-Server-Monster mit ihren 200-Watt-Netzteilen sofort aus dem Raster. Mein Anforderungsprofil:

  • Leistung: Genug CPU und RAM für Docker-Container, CI/CD-Runner und Media-Streaming.
  • Effizienz: Maximal 35 Watt unter Last, damit die Stromrechnung kein zweites Hobby wird.
  • Preis: Unter 400 Euro all-in, inklusive Aufrüstung.
  • Formfaktor: Kompakt genug, um neben der NAS im Serverschrank Platz zu finden.

Die Entdeckung: Viel Wumms auf wenig Raum

Nach nächtelanger Recherche auf r/homelab und diversen Foren stieß ich auf den heimlichen Favoriten der Home-Lab-Szene: den Lenovo ThinkCentre M920q. Ein Leasing-Rückläufer für schmale 160 Euro. Das Teil ist kaum größer als eine Pralinenschachtel, bietet aber alles, was das Herz begehrt:

Der Lenovo ThinkCentre M920q
  • Einen echten PCIe-Slot (für spätere 10GbE-Eskalationen)
  • Zwei RAM-Slots für ordentlich Durchatmen (bis zu 64 GB DDR4)
  • Einen M.2-Slot für High-Speed-Storage
  • Einen Intel Core i5-8500T mit sechs Kernen, die leise ihren Job erledigen

Die Einkaufsliste

KomponenteInvestition
Lenovo M920q (Refurbished)160 €
32 GB RAM Upgrade (2×16 GB DDR4)100 €
1 TB NVMe SSD (WD SN770)100 €
Verbaute 8 GB RAM (eBay-Verkauf)−28,87 €
Verbaute 256 GB M.2 SSD (eBay-Verkauf)−26,16 €
Gesamt (netto)304,97 €

Die verbauten Originalkomponenten konnte ich direkt bei eBay loswerden, womit die Gesamtkosten auf knapp 305 Euro schrumpften. Für das Geld bekommt man eine Maschine, die pro Watt mehr leistet als so mancher Tower-Server. Und leiser als die Kühlbox daneben ist sie auch.

Das Fundament: Proxmox, Docker & Portainer

Als Betriebssystem kam Proxmox VE zum Einsatz. Meine erste Amtshandlung nach der Installation: eine Ubuntu Server VM mit Docker und Portainer als Container-Management-UI.

Hier unterlief mir direkt ein Anfängerfehler: Ich installierte die Portainer Community Edition (CE). Erst nach einigem Suchen fand ich heraus, dass man als Privatnutzer für bis zu drei Nodes völlig kostenlos die Business Edition (BE) nutzen kann. Die BE bietet unter anderem Zugriffskontrolle, Git-basierte Stack-Deployments und automatische Updates. Alles Features, die man bei wachsendem Setup zu schätzen lernt. Mehr Features für null Euro? Nehm ich!

Tipp: Auf der Portainer-Website kann man sich direkt eine kostenlose BE-Lizenz für bis zu 3 Nodes holen. Einfach registrieren und den Lizenzschlüssel bei der Installation eingeben.

Wie geht es weiter?

Der M920q schnurrt jetzt in meinem Serverschrank und verbraucht im Leerlauf gerade mal ~10 Watt, kaum mehr als eine LED-Birne. Unter Volllast sind es rund 35 Watt. Aber ein Server, der nur im stillen Kämmerlein arbeitet, ist nur der halbe Spaß.

In Teil 2 zeige ich, wie ich meine Glasfaserleitung erst so richtig glühen lasse: Welche Container mittlerweile auf dem Lenovo laufen und wie ich den ganzen Spaß dank Cloudflare Tunnels sicher ins Internet bringe. Für mich und meine Freunde, ganz ohne Portfreigaben am Router.

Bleibt dran!